OTTO GIEROW – DER PUPPENSPIELER

Die Strelitzer Straße heute (auf Höhe des ehemaligen Dürerhauses)

In den zwanziger Jahren befand sich in Neustrelitz in der Strelitzer Straße 41 das Dürerhaus.  Der Inhaber Otto Gierow betrieb hier seinerzeit ein weit über Neustrelitz hinaus bekanntes Kunstgewerbehaus und Puppentheater. Heute erinnert nichts mehr an diese Vergangenheit. Wir wollen hier einen Artikel von Dr. Ernst Meyer dokumentieren, welcher 1932 in den Mecklenburgischen Monatsheften erschien und einen guten Überblick über die Entstehung und das Wirken des Puppentheaters gibt. Eine wohl authentische Darstellung der Wanderung des Puppentheaters durch die Lüneburger Heide findet sich desweiteren in der Autobiographie Alexander Graf Stenbock-Fermors – „Der rote Graf“ – dessen Autor eine solche im Jahre 1923 mitmachte. Den Stoff verarbeitete Stenbock-Fermor auch in seiner 1942 erschienen Heidegeschichte „Schloss Teerkuhlen“. Stenbock wird darin durch den erfolglosen Schriftsteller Magnus Torsten verkörpert. Dem Hamburger Antiquar Holzschneider kommt die Rolle Gierows zu, welcher den jungen Berliner in die Welt des Puppenspiels einführt: „Verstehen Sie den Sinn unseres Märchenspiels, Herr Thorsten? Ich will ihn deuten: es geht um die Bannung der dunkel-drohenden Gefahr durch magischen Zauberspruch. Man wird der bösen Mächte Herr, wenn es gelingt, sie beim Namen zu nennen. Das ist gleichsam das Licht der Erkenntnis, um aus der Dumpfheit der Kreatur zur menschlichen Freiheit emporzusteigen.“

Kasperle vor einer Schulklasse (Zeichnung von Otto Linnekogel, in "Schloss Teerkuhlen")

Uns sind zur Zeit leider keine zeitgenössischen Aufnahmen des Dürerhauses bekannt. Auch was mit dem Dürerhaus in späterer Zeit geschah, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir würden uns daher sehr über weitere Informationen zum Dürerhaus freuen.

Die Redaktion
sammlung.mecklenburg.strelitz@googlemail.com

OTTO GIEROW – DER PUPPENSPIELER

von Dr. Ernst Meyer

Das Spiel mit den Handpuppen ist wieder in Mode gekommen. Zwar – ausgestorben war der „Kasperle“ eigentlich nie. In mancher Familie feierte er in der Weihnachtszeit fröhliche Urständ. Der jugendlichen Seele liegt es ja, sich zu verstellen und zu vermummen, sowie andere in Stimmung und Haltung nachzuäffen. Dieses kindliche Spiel ist zugleich ein Ventil überquellender Phantasie, die sich durch freies Gestalten entladen kann. Mit aus diesem Grund hat neuerdings auch die Grundschule das Puppenspiel in ihr Gebiet einbezogen und betrachtet es als willkommenen Helfer bei ihrem Bestreben, die Kleinsten im Unterricht zu aktivieren; ähnlich wie man sie im Zeichnen den Ausdruck durch Farbe und Linie selbst suchen, wie man vielleicht eine Geschichte mit verteilten Rollen erzählen oder gar in einfachster Form aufführen läßt. Daß darüber schon eine richtige Fachliteratur entstanden und natürlich auch ein Bund der interessierten Fachgenossen, läßt sich denken.
Von alldem ist Otto Gierow unberührt. Ihn kümmert nicht die schulmäßige Methode, und von den literarischen Vorlagen des Kasperle-Theaters ist er wenig beeinflußt. Für seine Art spricht der Weg, auf dem er zum Puppenspiel kam:
„Da saß nun der alte Feldsoldat in seinem abgenutzten Grau auf dem Pfingstmarkt in Rostock und handelte mit billigen, guten Volksbüchern und Jugendschriften in einer Marktbude, welche die Mecklenburger Jugendverbände dorthin gestellt hatten. Da entstand in meiner Nähe aus ein paar Latten und Tüchern, von vielen hilfsbereiten Jungen unterstützt, eine Kasperlebühne, und bald saß der lustige, kleine Kerl auf seiner Spielleiste: „Sünd ji all‘ dor? Drum stinkt’s ok so!“ Zwei junge Rostocker Theologen, „Jugendbewegte“, sorgten für die Unterhaltung der Kinder. Als ich verwundert fragte, was wohl die Herren Professoren zu dieser Betätigung sagten, erhielt ich zur Antwort: Nun, wir üben eben unsere Stimmen für den späteren Beruf. Der Rostocker Pfingstmarkt gab mir die Anregung mit nach Hause, auch meinen Kindern einmal Kasper vorzuspielen.“
Bald weitete sich der Kreis seiner Hörer. Anfangs schloß er sich noch an gegebene Texte an, beim Sprechen halfen ihm zwei bis drei Freunde bei personenreichen Stücken. Bald jedoch fand er sich in der Technik der Stimmbehandlung und in der handlichen Geschicklichkeit des Puppenspiels zurecht, und ein sicheres Gefühl für die Begrenztheit des echten Kasperlespiels ließ ihn die ihm eigene Form finden, die ihm in den letzten Jahren zu ungeahnten Erfolgen verholfen hat. Allerdings, die Geschichte vom Rostocker Pfingstmarkt ist wohl nur der für ihn sichtbare äußere Anlaß geworden. In Wirklichkeit liegt, wie bei jedem Menschen, eine tiefere Ursache vor, welche die entscheidende Lebenswendung hervorruft. In ihm selbst steckt nämlich vom Vater her, der ein Weltfahrer und fabulierfroher Erzähler war, die Freude am Phantastischen und Abenteuerlichen, am Wandern durch die Lande und der Drang, still zu beobachten und nachgestaltend das Erlebte zum Ausdruck zu bringen.

Vignette für das Puppentheater Gierow von Walter Gotsman

Der nach außen so ruhig erscheinende, fast wortkarge Mann taut auf, sobald er gleichsam geschützt hinter seinem Vorhang sitzt, seine jugendlichen Zuhörer vor sich durch den Spalt erblickt und eintaucht in ihre Vorstellungswelt. Eine nicht zu unterschätzende Hilfe wurde ihm seine Gattin, die von früh auf für das Spiel mit der Handpuppe begeistert war.
In ihrer Auffassung vom Kasper sind beide sehr streng und schließen sich an die alten Formen dieser Spiele an. Bewußt schalten sie jeden Versuch einer gewaltsamen Modernisierung aus. Sie vermeiden folgerichtig die falsche Angleichung an das Marionettenspiel mit seinen Steck- und Drahtpuppen, das in der Tracht seiner Figuren und im Inhalt seiner Stücke einen weiteren Kreis umschreibt und vielfach nur noch ein in das Kleinmaß übertragenes Theater darstellt. Die bewußte Begrenzung seines Kaspers liegt dabei nicht so sehr in der Technik als in der Auffassung von der sittlichen Aufgabe des Kasperspiels. Für unseren Puppenspieler bleibt der langnasige Geselle stets die Hauptfigur, er ist immer der gute Geist, der gegen alles Böse kämpft, siegreich etwa beim alten Zauberer die verschwundene Prinzessin abringt und mutig gegen Räuber, Hexen und den Teufel selbst angeht. So bleibt das Spiel stets märchenhaft dem Milieu nach und kindlich im Ton. Kasper kann eben alles, er kann reiten und durch die Luft fliegen, er ist überall und zu allen Stunden da. Sein Kampf gegen das Böse ist also der Anlaß seines dauernden Dreinhauens. Damit ist eine innere Berechtigung gegeben für seine Balgereien und gleichzeitig dafür gesorgt, daß nicht reine Lust am Prügeln die Phantasie der Kinder in falsche Bahnen lenkt. Auch das Gruselige steht nicht so weit im Vordergrund, daß die zarten Seelen der Kleinen von der Brutalität der Bühnenvorgänge abgeschreckt würden. Kennzeichnend ist der Titel eines Stückes „Das Böse kriecht, das Gute siegt“.
Diese moralische Auffassung des Kasperlespiels ist wichtig für Gierows Einstellung zu den vorhandenen Textbüchern. Natürlich sind ihm, der Inhaber des „Dürerhauses“ in Neustrelitz ist, die vielerlei Vorlagen, besonders die alten Hamburger aus dem Quickborn-Verlag, bekannt. Anfangs spielte er ja auch nach ihnen und hat sich sogar an den „Faust“ im Stil der Volksbücher gemacht, mit rechtem Erfolg. Bald aber begann er an den Texten zu „modeln“. Denn Vorlagen sind ohne Abänderung durch den Spielenden nie spielreif, so sagt ihm seine Erfahrung. Daher ist er und seine Gattin in letzter Zeit immer mehr zum Verfassen eigener Stücke übergegangen, die sich durchweg als spielwirksam erwiesen haben, weil sie voll Handlung und der kindlichen Erlebnisfähigkeit bewußt angepaßt sind; sie werden also nicht wie eine fremde „Literatur“ künstlich an die Kinder herangetragen. Außerdem hängt das mit seiner Neigung zum Improvisieren während des Spielens zusammen. Denn, wer spielt eigentlich? Beim richtigen Kasperle – die Kinder. Mit großem Geschick versteht er es, die Kleinen zu Frage und Antwort, zu Zwischenrufen und dergleichen aufzumuntern und mit schlagartiger Gewandtheit auf die plötzlich neu entstehenden Situationen einzugehen und doch die Führung zu behalten. Es kann z.B. schon vorkommen, daß Kasper der Hörerschar ein Liedchen mit Kehrreim vorsingt und mit lebhaftem Kopfnicken den Takt dazu schlägt. Wie in einer Massensuggestion wiederholt die ganze Gesellschaft die vorgesungene Weise immer von neuem, obwohl der kecke Anstifter längst von der Spielleiste verschwunden ist. Und gelegentlich fühlt man sich an die älteste Form der Komödie erinnert, wenn er mit witzigen Zwischenbemerkungen einzelne Anwesende, einerlei ob Erwachsene oder Jugendliche, unter Namensnennung anulkt.
Zum Problem wird die Sache, wenn gegenwartsnahe Stoffe zur Darstellung verlangt werden, etwa bei besonderen Gelegenheiten. Dann entsteht, vielleicht angeregt durch Wünsche der Veranstalter, etwas wie „Der Kaspar in Afrika“, mit einleitendem Gespräch des Helden am Telephon mit Dr. Eckener über die schnellste und sicherste Reisegelegenheit über das Meer dorthin und mit anderen aktuellen Episoden. Aber schließlich findet Kasperle auch dort wieder böse Geister, die vielleicht in ein Krokodil gefahren sind, und überwindet sie in altgewohnter Weise mit kräftigen Hieben. Das Kindliche und Märchenhafte bleibt also auch dann noch gewahrt. Am liebsten sind ihm als Hörer die Kinder auf dem Lande, wohl weil sie noch am unverbildetsten sind. Gelegentlich möchte er ihnen in ihrer niederdeutschen Umgangssprache noch näher kommen. Andererseits aber empfindet er die fast von Ort zu Ort wechselnde Mundart als eine räumliche Begrenzung seines Spielkreises.
Die bestgemeinten Absichten in Stoffauswahl und Textgestaltung sind nichts nütze, wenn die äußeren Hilfsmittel versagen. Zum ersten, die Puppen. Diese fertigen die Ehegatten zumeist selbst an; ursprünglich wurden sie geknetet aus gekochter Papiermasse, später handfest geschnitzt nach Entwürfen, zu denen oftmals ungewollt ein Gegenüber in der Bahn Modell gesessen hat. Die besonderen Kennzeichen werden dabei naturgemäß stark betont mit einer Grobheit der Züge, die der Wirkung auf Fernbetrachtung und „schlagende Beweisführung“ angepaßt sind. Photographische Treue wäre unkindlich. Daß Otto Gierow über eine sehr wendige, spielsichere Hand verfügt, ist selbstverständlich. Unter bewußter Beschränkung auf das Handpuppenspiel nutzt er alle Möglichkeiten bis zum Letzten aus. Was ihm aber den durchschlagenden Erfolg bringt, ist die sofort packende, angenehm klingende und sorgfältig geschulte Stimme, die über eine schier unglaublich große Modulationsfähigkeit verfügt, so daß er allein durch sie die Fülle der Personen deutlich zu charakterisieren vermag. Die natürliche Sprechlage seines männlichen Tenors leiht er stets seinem und der Kinder Liebling, dem Kasperle. In verhältnismäßig kurzer Zeit hat sich sein Wirkungsbereich stark erweitert, namentlich, seitdem er im Auftrag der „Fichte-Gesellschaft“ oft wochenlang in Norddeutschland unterwegs ist, um unsere Jüngsten Kaspers Leiden und Kämpfen für das Gute erleben zu lassen. Eine starke Liebe zu den Kindern und eine verantwortungsbewußte, ideale Einstellung, verleiht seinem „kindlichen Spiel“ einen tieferen Sinn und erzieherischen Wert.

Wanderung des Puppentheaters in der Lüneburger Heide (Zeichnung von Otto Linnekogel in "Schloss Teerkuhlen")

Literaturangabe:
Mecklenburgische Monatshefte 8, Schwerin 1932 (S. 229-231)
Stenbock-Fermor, Graf Alexander: Der rote Graf, Verlag der Nation, Berlin 1973
Stenbock-Fermor, Graf Alexander: Schloss Teerkuhlen, Vieweg-Verlag, Braunschweig 1942

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Eine Antwort zu OTTO GIEROW – DER PUPPENSPIELER

  1. Annegret Singer schreibt:

    Es ist sehr ehrenvoll, was über meinen Großvater, der in meinen Geburtsjahr 1958 gestorben ist, geschrieben steht. Annegret Singer, geb, Gierow

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